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Arbeit, Prozess, Razzia, Notbremse, Wolf

Ausgabe #23 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Guten Morgen, liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
heute ist der 1. Mai, Tag der Arbeit – und „passend“ dazu fällt der Feiertag auf einen Wochenendtag. Das sollte uns Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aber nicht allzu ärgern, denn erstens ändert das nichts und zweitens schmälert es nur die Freude über den freien Tag. Aber mal etwas ernster: Die ersten Massendemonstrationen von Arbeitern an einem 1. Mai fanden bereits 1856 in Australien und 1886 in den USA statt. Dabei ging es um Arbeitszeitverkürzungen und Löhne. In Deutschland ist der 1. Mai erst seit 1933 ein Feiertag – und er hat im Lauf der Jahre seinen Charakter und sein Gesicht verändert. Eine Massenmobilisierung findet aufgrund des sozialen Fortschritts, eines in der Regel Acht-Stunden-Tages und einigermaßen gerechter Löhne nicht mehr statt. Der Fokus heute richtet sich dennoch auf die Arbeitswelt, die sich im Zuge der Digitalisierung schneller verändert, als viele überhaupt Schritt halten können.
Mein eigenes Berufsleben ist dafür ein gutes Beispiel. Meine ersten Berichte schrieb ich noch auf Schreibmaschine, später gaben wir unsere Texte in erste Rechner ein und speicherten sie auf Diskette (auch so ein Wort, das nur kurze Zeit „lebte“), um sie zur Weiterverarbeitung in die Setzerei zu tragen. Der nächste große Schritt war das erste Redaktionssystem mit Ganzseitenumbruch, wodurch das traditionsreiche Berufsbild des Setzers endgültig ausstarb. Heute arbeiten wir mit hochkomplexen Redaktionssystemen, die uns den crossmedialen Austausch von Inhalten zwischen Print und digitalen Kanälen ermöglichen. Wir haben einen Newsroom und einen Digital-Hub, die Zeitung hat aufgrund ihres Andrucks zwar noch eine Deadline, aber auf den digitalen Kanälen arbeiten wir quasi 24/7 – also 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Die Atemlosigkeit der Nachrichtenwelt hat die regionalen Zeitungshäuser, die sich in einem rapiden Wandel zu „Medienhäusern“ befinden, längst erreicht. Doch trotz Rationalisierung, Technisierung und Digitalisierung geht es gestern wie heute beim komplexen Begriff von „Arbeit“ um zentrale Werte wie Gerechtigkeit von Lohn und Arbeitszeit, Gesunderhaltung der Arbeitskraft, um Mitbestimmung im Betrieb, aber auch um Wettbewerbsfähigkeit, Modernisierung und Marktanpassung. Es lohnt sich also, am heutigen Tag der Arbeit auch mal über den eigentlichen Anlass und über die Herausforderungen nachzudenken, denen wir Arbeitnehmer uns täglich stellen müssen.
Dass der Lohn manchmal nicht zum Leben reicht, hat einerseits Gründe in der unterdurchschnittlichen Bezahlung, manchmal aber auch in einem Lebensstil, der nicht zum Einkommen passt. Das scheint der Grund gewesen zu sein, weshalb ein beliebtes Lehrerehepaar im Juli vergangenen Jahres in Neuenkirchen sein Leben verlor – weil ein weit über seine Verhältnisse lebender junger Mann von gerade einmal 20 Jahren es umbrachte, um an dessen Geld zu kommen. Ein unvorstellbar brutales Tatgeschehen und andere Auffälligkeiten führten in dieser Woche in dem Prozess zur Berichterstattung psychologischer Sachverständiger, die zu dem Ergebnis kamen, dass der Beschuldigte sowohl voll verantwortlich für sein Handeln sei wie auch das Erwachsenenstrafrecht angewendet werden könne. Lesen Sie dazu die Berichte meines Kollegen Jens Reinbold, der erneut in Lüneburg war, um die Verhandlung live für Sie mitzuerleben.

Neuenkirchener Doppelmord: Maurice L. ist voll schuldfähig - Walsroder Zeitung
Mordprozess: Eigentor der Verteidigung - Walsroder Zeitung
Nach seinem Prozesstag in Lüneburg ging es für Jens Reinbold am nächsten Morgen gleich mit einer Großrazzia weiter: 150 Einsatzkräfte von Polizei und Finanzamt haben am Donnerstag Wohnungen und Büros eines Familienclans sowie eine Fahrschule durchsucht. Nach Angaben der Polizei wurden ein mittlerer fünfstelliger Bargeld-Betrag sowie Datenmaterial sichergestellt. Betrugsdelikte wurden geprüft. Hintergrund der Razzia ist ein Verdacht auf Wirtschaftskriminalität. Die Polizei vermutet unter anderem Betrügereien bei Führerscheinprüfungen und Medizinisch-Psychologische Untersuchungen (MPU). Diese Aktion war übrigens Teil des „Räderwerks“, eines Modellversuchs im Heidekreis, bei dem Behörden im Verdachtsfall von Kriminalität seit mehr als zwei Jahren eng zusammenarbeiten und auch bei Durchsuchungen zusammen auftreten.
Offenbar erfolgreicher Einsatz des “Räderwerks” - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Das Thema Corona hält uns weiter in Atem – das aber nur im übertragenen Sinne des Wortes. Mit einer Ausnahme: Eine im Dezember an Covid erkrankte, junge Kollegin leidet immer noch unter den Spätfolgen der Infektion. Sie hat erhebliche Atembeschwerden und Herzrhythmusstörungen. Um sich nicht anzustecken, hilft im Endeffekt nur eine Impfung. Doch die lässt trotz zunehmender Impfgeschwindigkeit bei vielen noch auf sich warten. Dass die „Bundesnotbremse“ nicht überall mit Freude registriert wird, zeigen auch Bemerkungen des Landrats des Heidekreises. Bei einer Pressekonferenz bemängelte Manfred Ostermann, dass die Landkreise durch das verschärfte Bundesinfektionsschutzgesetz keinen Spielraum mehr haben: Klettert der Inzidenzwert landkreisweit über 100, muss auch in Kommunen „gebremst“ werden, wo die Inzidenz vielleicht nur bei 20 liegt. Lesen dazu meinen Artikel von der Pressekonferenz:
Bundesnotbremse gilt auch uneingeschränkt im Heidekreis - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Haben Sie schon mal einen Wolf gesehen? Ich ehrlich gestanden noch nicht, obwohl ich auf dem Land lebe und erst vor wenigen Tagen eine Nachbarin eine Wolfsbegegnung hatte. Sie hatte ihr Baby im Tragetuch und einen Hundewelpen an der Leine. Plötzlich schnitten ihr zwei Wölfe den Weg ab, hinter ihr verlief ein breiter Bach, vor ihr die Raubtiere, pardon „Beutegreifer“. Ob es sich um neugierige Jungtiere handelte oder ältere, wissen wir nicht – spielt aber sicher für die junge Nachbarin keine Rolle. Sie zitterte noch lange nach der Begegnung vor Angst. Bevor jetzt wieder einige von Hysterie sprechen, wie es oft in den sozialen Netzwerken zu lesen ist, so kann ich nur darum bitten, sich einmal in ihre Rolle zu versetzen: Ich möchte den- oder diejenige sehen, die in solchen Situationen nicht blanke Angst verspürt. Passend dazu: Gestern wurde der „Tag des Wolfes“ begangen, und Mitglieder der regionalen Nabu-Organisation trafen sich mit meiner Kollegin Märit Heuer, um sich zu dem Gesellschaft spaltenden Thema Wolf zu äußern.
“Tag des Wolfes”: Nabu will mit “bösen Märchen” aufräumen - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Ob nun Start in den „Wonnemonat“ Mai oder letzte Zuckungen des mürrischen Aprils: Ich wünsche Ihnen ein schönes und erholsames Wochenende!
Rolf Hillmann
Der Leitartikel dieser Woche kommt von Jens Reinbold:
Der Leitartikel dieser Woche kommt von Jens Reinbold:
Beim Impfen geht es nun um Gerechtigkeit - Meinung - Walsroder Zeitung
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