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Das Ende der Begeisterung

Ausgabe #104 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
bald ist es soweit. Nein, nicht, was Sie meinen, den Beginn der Adventszeit, erster Advent, Nikolaus-Tag und dann bald Weihnachten. Ich meine die Fußballweltmeisterschaft in Katar. Nun mögen Sie gleich wieder abwinken und sagen: Was soll das Thema? Erstens interessiert es Sie vielleicht nicht, und zweitens erwarten Sie an dieser Stelle andere Themen. Und doch nehme ich mir die Freiheit, heute darüber zu schreiben. Darüber, dass ich zutiefst enttäuscht bin – und zwar sicherlich auch deshalb, dass die WM im Winter stattfindet, dass die Spiele zu Zeiten übertragen werden, zu denen normale Menschen arbeiten müssen, dass es keine gemeinschaftlichen Fußballevents vor dem Fernseher gibt. Das alles finde ich schade. Aber es ruft noch keine tiefe Empörung hervor – nur eben Bedauern und etwas Enttäuschung.
Es macht mich aber traurig, dass mir jetzt, als nicht mehr ganz junger Mensch, der letzte Rest an kindlicher Begeisterung für ein tolles Spiel genommen wird. Ich war fast immer ein glühender Fan der deutschen Nationalmannschaft, die unter verschiedenen Trainern, die ich alle aufzählen könnte, mal gut und mal weniger gut abschnitt. Jedes Mal habe ich mitgefiebert und spätestens nach der Gruppenphase bei den K.O.-Spielen versucht, jede Begegnung zu sehen. Das hatte was mit meiner Kindheit zu tun. Schon früh begann ich Fußball zu spielen, als die Stars ihrer Zeit Maier, Müller, Beckenbauer, Netzer und Overath hießen.
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexico 1970 war ich noch so jung, dass ich zum Viertelfinalspiel Deutschland gegen Italien ins Bett musste. Da brach eine kleine Welt für mich zusammen. Und so saß ich im Bett, hörte den Ton des Kommentators über den Flur schallen und konnte an den Reaktionen meiner Eltern und Geschwister ablesen, wie die Führung der beiden Erzrivalen hin und her ging. Später ging dieses Spiel als das Jahrhundert-Spiel in die Geschichte der Nationalmannschaft ein. Deutschland war auf der Verliererstraße, es waren 50 Grad im Stadion, Franz Beckenbauer spielte mit einem Arm in der Schlinge. In der Nachspielzeit schaffen die Deutschen den Ausgleich zum 1:1. Der Bomber der Nation Gerd Müller trifft zum 2:1, Italien gleicht aus, trifft zum 3:2, Müller erzielt mit dem Haarschopf das 3:3. Längst veranstalte ich Feixtänze in meinem Bett, ich kann die Spannung kaum ertragen. Und dann, es muss längst nach Mitternacht sein, erzielt der eingewechselte Riviera das 4:3 für Italien. Deutschland war raus. Und ich hatte das spannendste Spiel meines Lebens erlebt – ohne eine Spielszene gesehen zu haben.
Ein paar Jahre später wurde Deutschland Weltmeister im eigenen Land, und auch die Begegnungen könnte ich nachdrücklich schildern, die Wasserschlacht in Frankfurt gegen Polen oder das Endspiel in München gegen die Niederlande. Wenige Tage später fuhr ich mit einem Deutschland-Cappy auf dem Kopf in unser Nachbarland und hatte das Endspielergebnis (2:1) vorne auf die Mütze geschrieben. Auf der Fähre bei der Überfahrt zu einer westfriesischen Insel wurde ich von holländischen Halbwüchsigen, etwas älter als ich, mächtig drangsaliert. Ich musste das Cappy absetzen und mich unauffällig verhalten.

Ja, der Fußball hat meine Erinnerungen prall gefüllt. Doch diese Winter-WM in Katar nimmt mir den letzten Rest an Vorfreude und Spannung. Ich bin einfach nur enttäuscht und desinteressiert. Natürlich stimmen mich die Menschen- und Frauenrechtsverletzungen in Katar sehr nachdenklich, natürlich ist es ein Skandal, das womöglich Tausende von Fremdarbeitern beim Bau der Stadien starben und ihre Angehörigen bis heute keine Unterstützung unterhalten. Ja, das alles ist schlimm. Aber es ist nicht das Schlimmste.
Das Schlimmste ist die Macht der FIFA und die Rolle, die sie bei all dem spielt. Sie ist an allem schuld. Sie ist zutiefst korrupt, sie tritt die Menschenrechte mit Füßen, sie vergibt Weltmeisterschaften in Länder von Despoten, Autokraten und Diktatoren. Sie schert sich einen Dreck um das, was in den Ländern passiert. Das war 1978 in Argentinien so, als die Militärdiktatur mehr als 30.000 Regimegegner in Konzentrationslagern umbrachte, das war 2018 so, als die WM in Russland stattfand und Putin bereits ein Kriegsverbrecher war. Es ist längst und hinreichend bewiesen, dass die Weltmeisterschaftsvergaben von nichts anderem abhängen als von der erfolgreichen Bestechung der FIFA-Funktionäre. Das alles ist ein riesiger Skandal, mehr noch: Es ist eine Sauerei. Und dass Präsident Gianni Infantino seinen Wohnsitz nach Katar verlegt hat, ist nur der Gipfel des Hohnes.
Und deshalb löst diese WM in mir weder Freude noch Neugier, weder Spannung noch Leidenschaft aus. Genauso wie vor vier Jahren in Russland, als die deutsche Mannschaft – passend zum Austragungsland – in der Vorrunde ausschied, interessiert mich das Abschneiden der Mannschaft nicht. Nicht, weil ich die Leistung der Spieler nicht bewundere oder weil ich den Fußball nicht mehr liebe. Aber diese Mischung aus Wut, Enttäuschung und Gleichgültigkeit in mir haben den letzten Rest an Begeisterung zerstört. Danke FIFA. Danke dafür, dass Ihr dieses tolle Spiel verkauft habt. 
Rolf Hillmann
Es geht um Abschaffung, nicht um Reformen - Meinung - Walsroder Zeitung
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