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Gewohnheitstiere

Ausgabe #77 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir stehen das Thema Ukraine-Krieg und Fragen, die damit einhergehen, immer noch im Vordergrund meines Interesses, aber auch meiner Gefühle. Ja, ich gebe zu, dass ich mich immer noch fürchte, dass sich dieser Krieg ausweiten könnte, dass das Leiden der Menschen in der Ukraine kein Ende findet. Ganz aktuell die Beschreibungen über die Zustände in dem Stahlwerk in Mariupol, wo die Verletzten eines qualvollen Todes sterben, weil es keine Medikamente, kein Antibiotikum, kein steriles Verbandsmaterial gibt, müssten jedem halbwegs empathischen Menschen im Alltag das Lachen rauben. Es ist schon viel darüber geredet und geschrieben worden, wie weit unser Interesse und Mitgefühl gehen sollte, was noch empathisch oder was schon ungesund für uns selbst wäre. Sicherlich muss es dem Einzelnen darum gehen, für sich selbst einen Umgang mit der Flut an Nachrichten zu finden – und das eine Extrem, sich ständig auf dem Laufenden halten zu wollen, könnte genauso übertrieben sein wie eine allgemeine Gleichgültigkeit und Desinteresse an dem Leid in der Ukraine.
Mein Eindruck jedenfalls ist, dass sowohl das Interesse als auch die Bereitschaft, mit den Menschen in der Ukraine mitzuempfinden, nachlassen. Dieser Eindruck wurde übrigens bestätigt – und zwar von der „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern“ (IVW). Sie analysiert Medienkonsumverhalten, und anhand ihrer Ergebnisse entscheiden Werbetreibende über Anzeigenaufträge für Medien. Und so ergab die aktuelle Untersuchung, dass im April die Aufrufe der acht größten Nachrichtenportale in Deutschland deutlich zurückgingen – zwischen 15 und über 30 Prozent. Im selben Zeitraum legten die Wetterplattformen zwischen 25 und 40 Prozent zu. Ohne zynisch zu sein, könnte man also sagen, dass sich die Menschen im April deutlich weniger für den Ukraine-Krieg, dafür umso mehr für das Wetter interessierten.
Nur, um es noch mal in Erinnerung zu rufen: Im April war fast jeden Tag von der bevorstehenden russischen Großoffensive im Donbass, von Gräueltaten russischer Soldaten an Zivilisten und über das deutsche Ringen um die Lieferung schwerer Kriegswaffen an die Ukraine zu lesen. Unterdessen war es vielen Nachrichten-Konsumenten aber wichtiger, zu erfahren, ob es vor ihrer Haustür oder am auserkorenen Urlaubsort regnen, stürmen oder die Sonne scheinen würde.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und genauso, wie ihn Dinge am Anfang aufregen, erschrecken oder Sorgen bereiten, genauso schnell stumpft er wieder ab. Das gehört vielleicht einerseits zu einer tief in den Instinkten verankerten Überlebensstrategie, andererseits aber auch zu der Tatsache, dass der Mensch sich das Schicksal anderer nur bis zu einem gewissen Grad zu eigen machen kann. Die traurige, aber gleichfalls realistische Aussage lautet also: Wir gewöhnen uns an den Krieg.

Ich wünsche Ihnen trotz dieser unerfreulichen Gedanken ein erholsames Wochenende – und weil der eine oder die andere vielleicht gerade den moralisierenden Zeigefinger gespürt hat, noch gleich ein zweiter hinterher: In meinem Leitartikel befasse ich mich dieses Mal mit dem Ende der Wachstums- und Reichtumsspirale.
Rolf Hillmann
Die Jahre des “immer mehr” und “immer reicher” sind vorbei - Meinung - Walsroder Zeitung
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