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Krisenzeiten und Kommunikation

Ausgabe #95 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Rote-Faden-Leser und -Leserinnen,
in der vergangenen Woche hat Olaf Scholz mit Wladimir Putin telefoniert. 90 Minuten soll das Gespräch gedauert haben, und wahrscheinlich fragen sich viele Menschen – mich eingeschlossen -, was dort besprochen, vor allem wie dort gesprochen wurde. „Hallo, hier ist der Olaf, wie geht es der Familie, Wladimir?“ Sind solche Sätze vorstellbar in dieser Ausnahmesituation?
Sie haben natürlich Recht, der Hintergrund ist gewiss nicht zum Spaßen geeignet, jeden Tag sterben in diesem russischen Angriffskrieg Menschen. Väter, Mütter, und ja, auch Kinder. Und dennoch ist die Frage nach der richtigen Form der Kommunikation unglaublich wichtig. Das gilt eigentlich immer, aber in einer dramatischen Lage wie aktuell mehr denn je. Und das betrifft nicht allein die Kriegsparteien und deren Unterstützer, sondern eigentlich fast jeden Bereich, der direkt oder indirekt mit den Folgen des Krieges zusammenhängt.
Nehmen Sie den Fauxpas von Wirtschaftsminister Habeck, der die Frage nach einer zu erwartenden Steigerung an Insolvenzen angesichts förmlich explodierender Energiepreise verneinte, gleichzeitig jedoch kryptisch das Szenario von geschlossenen Ladentüren an die Wand malte. Er konnte in diesem einen Moment der rhetorischen Schwäche nicht erklären, was er eigentlich sagen will – der folgende „Shitstorm“ war abzusehen, auch wenn man ihn in der Form nicht gutheißen muss.
In klarer Sprache erklären, was Sache ist: Das haben Politiker bisweilen verlernt. Doch nichts ist in ungemütlichen Zeiten schlimmer als Rumgeeiere, es suggeriert den Menschen so etwas wie Rat- und Hilflosigkeit derjenigen, die doch wichtige Orientierung geben und Entschlossenheit demonstrieren sollen.
Klar ist aber auch: Wohl kaum jemand möchte in diesen Monaten die Rollen tauschen. Liefern wir Kampfpanzer in die Ukraine oder nicht? Kaufen wir Gas auf dem Weltmarkt zu ruinösen Preisen ein oder öffnen Nord Stream 2? Darauf gilt es Antworten zu finden, die in ihrer Tragweite letztendlich eine Frage von Krieg oder Frieden bedeuten können.
Was die Menschen erwarten können, ist, dass die Verantwortlichen uns bei ihren Entscheidungen mitnehmen. Was die Politiker auf der anderen Seite erwarten dürfen, ist, dass die Menschen ein gewisses Maß an Respekt an den Tag legen und anerkennen, dass die Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen nach Abwägung des Für und Wider getroffen werden. Auch wenn der Einzelne in der Sache zu einem anderen Schluss kommt.
Das eigene Handeln zu erklären, wird in den kommenden Monaten auch mehr und mehr in den weiteren Strukturen des Staates eine wichtige Rolle spielen. Wenn Kommunen Hallenbäder oder Sporthallen schließen, wenn auch der Landkreis Heidekreis sich mit dem Thema beschäftigt, wie in einer drohenden Rezension mit steigenden Zinsen millionenschwere Schul- und Krankenhausbauten finanziert werden können. Es werden ganz sicher noch unpopuläre Entscheidungen folgen – denn die Grundlagen haben sich schlichtweg dramatisch gewandelt.
Kommunikation ist aber auch keine Einbahnstraße. Man muss es nicht gut finden, wenn ein Hallenbad geschlossen wird (wie das in Bad Fallingbostel), aber viele Menschen mögen solche Entscheidungen eher nachvollziehen können, wenn ihnen die Verantwortlichen erklären, wie der Abwägungsprozess verlaufen ist. Wenn Bürger Fragen haben, sollten sich Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, Ratspolitiker und Ratspolitikerinnen die Zeit nehmen, saubere Antworten zu finden. Das gilt eigentlich immer, aber aktuell wahrscheinlich noch ein bisschen mehr.
Und das gilt übrigens auch für unsere Arbeit. Wir wägen jedes Mal aufs Neue ab, ob und wie hart wir Verantwortliche kritisieren. Wir betrachten die Umstände, unter den Entscheidungen getroffen werden. Vielleicht fällt uns das aber auch deshalb leichter, weil wir die Hintergründe kennen, weil wir uns Sachverhalte detailliert erklären lassen. Dieses Mehr an Wissen, das wir häufig erlangen, ist übrigens Teil der Verschwörungstheorie, nach der die Presse „von oben“ gesteuert wird. Deshalb werden auch die kommenden Monate für die Medienschaffende nicht leichter. Das richtige Maß an Kritik zu finden in einer auch für uns Redakteure bis vor Kurzem unvorstellbaren Gemengelage ist eine echte Herausforderung.
Bleiben sie, liebe Leserinnen und Leser, also kritisch, aber auch fair.
Herzliche Grüße
Jens Reinbold

Vor uns liegt keine Staats-, sondern eine Gesellschaftsaufgabe - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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