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Schattenseiten unserer Arbeit

Ausgabe #34 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
ein tödlicher Unfall, zu dem ich am Donnerstagabend von der Polizei gerufen worden bin, beschäftigt mich auch heute noch. Ein junger Mann wurde von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben gerissen. Die Atmosphäre an der Unfallstelle war trotz langer Berufserfahrung und vieler ähnlicher Ereignisse sofort spürbar. Die Straßen waren gesperrt, es fuhren keine Autos. Der Rettungswagen hatte den autofahrenden Unfallbeteiligten bereits ins Krankenhaus gebracht. Einige Polizisten warteten auf den Leichenwagen, denn das Unfallopfer – ein Motoradfahrer – musste noch geborgen werden. Die Stille war zum Greifen. Sofort schießen einem Gedanken an die Hinterbliebenen durch den Kopf, das Leid, die Trauer, die dieses Ereignis auslöst, möchte man sich nicht vorstellen. Vor einigen Jahren starb wenige Kilometer von der Unfallstelle entfernt, ebenfalls bei einem Autounfall, eine Bekannte von mir. Damals wurde ich auch dienstlich hinzugerufen, zog aber unverrichteter Dinge wieder ab, als ich erfuhr, wer die Tote war.
Das sind Seiten unseres Berufslebens, auf die wir gerne verzichten würden. Aber sie gehören nun mal dazu. Genauso wie Kriegsberichterstatter von Gräueltaten berichten müssen, ist es unsere Aufgabe, die Öffentlichkeit über Unfälle, Feuer, Chemieunfälle und andere Ereignisse zu informieren. Am Anfang der digitalen Berichterstattung schossen wir dabei übers Ziel hinaus und mussten Lehrgeld bezahlen. Denn im ersten Internetfieber dachte niemand daran, dass wir mit einer (zu) schnellen Berichterstattung auch schneller waren als die Polizeibeamten, die die Angehörigen informieren mussten. Mittlerweile ist es selbstverständlich, dass wir – manchmal stundenlag – freiwillig auf die „Freigabe“ durch die Polizei warten. Dennoch werden wir weiter für unsere Arbeit kritisiert. Immer wieder wird gefragt, ob wir denn mit Rücksicht auf die Angehörigen Unfallbilder veröffentlichen müssen? Die Antwort ist weder herz- noch empathielos, sie lautet aber: Ja, das müssen wir. Denn was in der Welt geschieht, das können wir uns nicht aussuchen. Unsere Aufgabe ist es, darüber zu berichten. In Wort und in Bild oder Bewegtbild.
Aber was wir natürlich bestimmen können, ist die Art der Bilder, die wir veröffentlichen. Ich kann mich noch an ein Unfallbild erinnern, das vor rund 40 Jahren nicht wir, sondern eine andere hiesige Zeitung veröffentlichte. Damals war der Unfalltote in dem Fahrzeug noch zu erkennen. Solche Bilder dürfen niemals erscheinen. Für uns ist es deshalb ebenso selbstverständlich, den Blickwinkel und Ausschnitt für die Fotos, die am Unfallort entstehen, genau auszuwählen. Das war am Donnerstagabend nicht anders. Mittlerweile spreche ich mit jungen Kollegen, die langsam in den Beruf hineinwachsen, was sie an Unfallorten erwarten könnte und wie sich verhalten sollten. Oft sind schwere Unfälle nachts. Wer am Unfallort eintrifft, aber schon weiß, dass es einen oder mehrere Tote gab, kann nicht wissen, wo sich ihre Leichname befinden. Deshalb gilt es als erstes, sich mit Feuerwehrleuten oder Polizeibeamten zu verständigen, von welcher Seite man sich den Unfallfahrzeugen nähert.
In diesen Minuten - es ist Freitagvormittag - bekommen wir die Nachricht, dass sich auf der Heidebahnstrecke, Höhe Walsroder Pendlerparkplatz an der L 190, ein Unfall ereignet hat. Eine männliche Person ist dabei mit dem Zug kollidiert und gestorben. Die Zugstrecke ist gesperrt, ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Wir werden eine Zwei-Zeilen-Nachricht auf den Digitalkanälen veröffentlichen, um der Öffentlichkeit mitzuteilen, warum die Bahnstrecke gesperrt ist, warum Rettungsfahrzeuge dort zu sehen sind und warum ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wurde. Die Worte Suizid, Freitod oder gar Selbstmord werden nicht fallen. Wir berichten eigentlich grundsätzlich nicht von solchen traurigen Ereignissen, wenn sie in Privaträumen passieren. Im öffentlichen Raum, wo Hunderte von Verkehrsteilnehmern den Unfallort passieren, müssen wir dieses Tabu kurz und knapp brechen.
Warum lasse ich Sie heute so weit hinter unsere Kulissen blicken? Ganz einfach: Ich möchte Ihnen erklären, warum wir was machen. Uns ist klar, dass wir immer weiter für unsere Arbeit kritisiert werden. Aber die, die uns beispielsweise für Unfallbilder vor Ort an den Pranger stellen, sitzen abends vor dem Fernseher und sehen Nachrichtenfilme von Kriegen, Seilbahnunglücken, Unwetterkatastrophen; sehen Interviews mit weinenden Betroffenen und Angehörigen. Dass sich jemand bei der Tagesschau darüber beschwert hat, wäre mir neu. Aber nichts anderes ist es, was wir vor Ort machen. Wobei ich gerne einräume, dass es tatsächlich nicht auf das Ob, sondern vielmehr auf das Wie der Berichterstattung ankommt. Wir jedenfalls verschließen uns jedem Sensationsgeheische, die sachliche Nachricht ist unsere Aufgabe. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Und noch mal ganz deutlich: Ich habe noch keinen Kollegen getroffen, der gerne zu einem Unfall fährt. Ganz im Gegenteil. Jeder ist froh, wenn der Kelch an ihm vorüber geht.

Ich verzichte heute auf einen nachrichtlichen Wochenrückblick mit Hinweisen auf besonders gelungene oder interessante Berichte, die wir veröffentlicht haben. Stattdessen war es mir ein Anliegen, dieses Thema aus ganz persönlicher Warte zu beleuchten. Schreiben Sie mir Ihre Meinung, sie ist mir wichtig. Ansonsten empfehle ich Ihnen noch meinen Leitartikel zu den Scharmützeln bei den Kreisgrünen, bei denen „alte, weiße Männer“ aufs politische Abstellgleis geschickt wurden oder werden sollten. Klicken Sie „den Leiter“ einfach unten an.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende – und meiner Kollegin Sarah Langemeyer, die Wochenenddienst hat, keine schlimmen Unfälle.
Rolf Hillmann
Die Niederlage der “alten, weißen Männer” - Meinung - Walsroder Zeitung
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